allgemein

“Das Lied des dunklen Walds”
Komposition eines 10 Jährigen.

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Ein Gedicht eines ehemaligen Jugendlichen:
Das Laub

Das Laub auf den Bäumen
und auf der Straße
ist so wertvoll wie Gold aus der Mine.

Die Blätter wehen
und sie vergessen,
wie schön es war
im Wald.

Die Häuser spät abends
im Goldlicht von Laub
stehen wie Bäume
im Wald.

René F., 14.10.2008

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Nachts im Hafen
eine Hafenimitation – entstanden beim Abendbrot.


Klavier-Improvisation
von einem der Jungen, der bei uns lebt und Daniel Verasson.


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unsere EigenArt I + II

unsere EigenArt I …

…an einer sozialpädagogischen LebensGemeinschaft (SPL) ist aus unserer Sicht die Art des Zusammenlebens: Die Kinder und Jugendlichen, die bei uns leben, erfahren in ihrem Alltag eine Kontinuität in der zwischenmenschlichen Begegnung. Dies geschieht dadurch, dass wir ihnen nicht ihm Rahmen des Schichtdienstes begegnen, sondern mit ihnen familiär zusammen leben.

Die Kinder und Jugendlichen, die in ihrer BioGraphie eine so genannte Fremdunterbringung erfahren, müssen diese vollendete Tatsache, vor die sie oft unvorbereitet gestellt werden, erst einmal verarbeiten. Dies können die meisten von ihnen nach unseren Erfahrungen am Besten, in dem sie in ihrem neuen Lebensumfeld eine Form des Zusammenlebens vorfinden, die jedes Kind und jeder Jugendlicher als Urbedürfnis in sich trägt: Einen Menschen, mit dem eine Begegnung statt finden kann, in der sich das Kind, der Jugendliche als wertvoll betrachten und erleben kann.

Wenn uns das gelingt, so finden die Kinder über die Begegnung und Kontinuität letztendlich zu sich selbst. Und wir, die Erziehenden, Begleiter und Entwicklungshelfer, werden so – im besten Fall – in ihrer Zukunft, für ihre eigene BioGraphie nicht mehr von Nöten sein. Wir entlassen die Jugendlichen nach unserer gemeinsamen Zeit in ihr Leben. Jetzt werden sie in die Gesellschaft dasjenige einbringen können, was sie erlernt und individualisiert haben. In der Hoffnung, dass es eine Bereicherung für sie selbst ist, als auch für uns andere.

Die fehlende “gesunde” Begegnungsmöglichkeit und -kontinuität ist immer häufiger dasjenige, das ein Leben außerhalb von “seinem ursprünglichem zu Hause” überhaupt erst nötig macht.

unsere EigenArt II …

…an unserer SPL ist sicherlich zum einen die überschaubare Größe – wir bieten nur 4 Plätze an. So kann uns eine intensive Zuwendung zum Kind gelingen, die in größeren Einrichtungen aufgrund der verschiedensten Gegebenheiten oft fehlt.

Zum anderen ist es aber auch unsere Homosexualität, die uns eine besondere Begegnung mit den hier Lebenden ermöglicht: Durch unsere Partnerschaft werden die Kinder und Jugendlichen eine Lebens- und Liebesform kennen lernen, die auch heute noch im Alltag unserer Gesellschaft i.d.R. ausgeblendet wird. Deshalb gehen wir davon aus, dass es am Anfang bei uns sicherlich für den ein oder anderen eine außergewöhnliche Eingewöhnungsphase bedarf. Meine bisherigen Erfahrungen allerdings zeigten mir, dass gerade Kinder und Jugendliche oft schneller ihre Vorurteile und Sorgen gegenüber homosexuellen Menschen beilegen konnten, als Erwachsene.

Die Kinder erfahren von Anfang an das Grundprinzip der Toleranz: Ich muss lernen, mit einer Tatsache umzugehen, die mir im ersten Moment fremd erscheint. Nach einiger Zeit der Erfahrung dieser Situation bemerke ich aber, dass meine ggf. zu Anfang bestehenden Sorgen und Ängste völlig unbegründet sind, weil die sexuelle Ausrichtung keinerlei negative Bedeutung für das Wesentliche in der zwischenmenschlichen Begegnung im Alltag hat! (Da mag die CDU/ CSU, sowie Kirche & Co. sicherlich anderer Meinung sein…)

Hinzu kommt oft ein “neues” Männerbild, das wir vermitteln. Viele der betroffenen Kinder kennen i.d.R. ein negatives Bild des Mannes, das mit Gewalt (nonverbal, verbal), mit Brutalität, mit Alkohol, mit “Für-sich-arbeiten-Lassen” behaftet ist: Der Mann wird “bedient” von der Frau; ihm wird gekocht, geputzt, gewaschen…

In unserer Lebensgemeinschaft werden all diese typisierten Bilder vom “Mann-Sein” – wenn diese vorhanden – völlig aufgehoben und ins Sinnlose gestellt.

Dies bedeutet sicherlich eine “besondere” (unbewusste) Arbeit für das Kind, die aber aus unserer Sicht im besten Falle für alle Beteiligten, für die Gesellschaft positive Auswirkungen haben kann…

Was bedeutet waldorfpädagogisch orientierte Arbeit aus unserer Sicht in der Kinder- und Jugendhilfe? Eine Skizze

Allgemein:

Die Waldorfpädagogik umfasst den ganzen Menschen mit all seinen physischen Realitäten. Aber eben auch mit all seinen seelischen und geistigen. Die aus meiner Sicht „gröbste Skizze“ des Menschen ist also die des Dreigliedrigen:

Physischer -, Seelischer – und Geistiger Körper.

Diese drei Körper sind unabdingbar miteinander verflochten und können im Grunde nicht separiert voneinander betrachtet, bzw. „behandelt“ werden. Es besteht eine alltägliche und immer währende Gegenseitigkeit.

Ähnlich wie sich die anthroposophische Medizin zur Schulmedizin verhält, nämlich nicht als Alternative, sondern als Fortsetzung, Weiterführung, könnten Sie, lieber Leser, die Waldorfpädagogik betrachten: Nicht als Alternative zur „regulären“ Pädagogik, sondern auf ihr basierend, als eine Weiterführung.

Vor allem aber ist sie nicht die „alleinige Pädagogik“, die einzig wahre, die ausschließliche Pädagogik, sondern nur ein Weg, pädagogisch zu arbeiten! Und es ist ja bekannt: VIELE Wege führen nicht nur nach Rom! Auch das WupperTal hat seine Reize.

Wesentlicher Bestandteil im alltäglichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist sicherlich die Unterteilung der BioGraphie in die Jahrsiebte: Der Mensch entwickelt sich fortwährend im Leben. In dieser Entwicklung können Schwerpunkte beobachtet werden, die grob in 7-Jahres-Schritte unterteilt werden können.

1. Lebens-Jahrsiebt: Vorrangig entwickelt sich der physische Leib (vorgeburtlich, 0 – 7 Jahre)

2. Lebens-Jahrsiebt: Vorrangig entwickelt sich der seelische Leib (7 – 14 Jahre)

3. Lebens-Jahrsiebt: Vorrangig entwickelt sich der geistige Leib (14 – 21 Jahre)

4. Lebens-Jahrsiebt: Hier hat sich die Grundlage des erwachsenen Menschen entwickelt, sodass er nun mit dieser Grundlage seine weitere BioGraphie in größmöglicher Selstständigkeit erfahren kann.

Der seelische Leib:

Hier ist es so, dass man der Seele drei grundlegende Qualitäten, Kräfte zusprechen kann (Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, ist bitte nicht hier zu erwarten)

  • Die Kraft des Wollens.

  • Die Kraft des Fühlens.

  • Die Kraft des Denkens.

Die Seele als BindungsGlied zwischen dem physischen und dem geistigen Leib, verteilt nun diese drei Kräfte, Qualitäten auf die drei Leiber: Der Wille ist dem physischen Körper- das Fühlen sich selbst- und das Denken dem geistigen Körper zugedacht.

Der geistige Leib:

In ihm, entwickelt sich die Instanz, die zwar schon früh zu sich ICH sagt, die jedoch erst mit dem gröbsten Abschluss der Ausbildung der Leiber und ihren Möglichkeiten, Kräften in allem Umfang zu sich ICH sagen kann, im vollen Umfang dieses ICH betrachten kann. Diese Instanz ist allgemein gesagt das Ureigenste des Menschen.

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Das Kind sagt schon um das dritte Lebensjahr “ich”, jedoch vermag es dahinter nicht das zu sehen, zu erkennen, was der junge Erwachsene erkennen kann, wenn er im Leben “ich” sagt!

In der Kinder- und Jugendhilfe:

In ihr geht es vor allem um “Entwicklungshilfe”: die oben erwähnten seelischen Kräfte, Qualitäten brauchen Freiräume, Anreize, Begleitung, Pflege… um sich selbst entfalten zu können. Als Erzieher bin ich meiner Meinung nach nicht mehr und nicht weniger als ein Entwicklungshelfer. “Erziehen” erscheint mir da ein Wort zu sein, das mir im Zusammenhang in der Arbeit mit Menschen nicht zusagt.

In der Kinder- und Jugendhilfe geht es in der Waldorfpädagogik also nicht nur darum zu sehen, dass die bei uns lebenden Menschen die alltäglichen und gesellschaftlichen Rechte und Pflichten erfüllen. Sondern es geht eben auch um die Entwicklungshilfe der eigensten BioGraphie:

Was will dieses Kind, das bei uns lebt, was will es als ureigensten Impuls in diese Welt mit einfließen lassen?
Was will es Sinnhaftes hier erfüllen? Welche Aufgabe hat es sich für dieses Leben vorgenommen?
Welche Spuren will es hinterlassen?

Viele Fragen könnten gestellt werden. Diese sind es im Moment geworden.
Denken, Fühlen und Wollen sind die drei Kräfte, Qualitäten, die eine Schlüsselrolle spielen in der Entwicklung eines jeden Einzelnen.
Sie zu fördern und zu fordern gehört mit zu den Hauptaufgaben der Waldorfpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe.

Verfasser: Emanuel S. Lutter, Wuppertal, den 25. Februar 2009. II. Überarbeitung: 23. Mai 2013